„Schönheit ist ein primäre Notwendigkeit, ein Grundbedürfnis, wie essen oder schlafen.
Wenn es keine Schönheit gibt, gibt es keine Menschlichkeit.“
Schönheit spielt seit jeher für uns Menschen eine sehr große Rolle, auch in unserer heutigen Gesellschaft. Hier wird sie meist in der Wahrnehmung beinahe automatisch mit Erfolg, Attraktivität und Wohlstand verknüpft. Doch: Was ist Schönheit und brauchen wir Schönheit, um leben zu können?
Was ist Schönheit?
Der Sehnsucht (also dem Bedürfnis) nach Schönheit versuchten bereits antike Philosophen wie Platon methodisch auf den Grund zu gehen. Dabei kristallisierte sich schon vor 2.500 Jahren heraus, dass das Schöne und das Gute eine Einheit von sinnlichem Charakter und transzendenter Funktion bilden und darüber hinaus stets ein Wirkungszusammenhang besteht. „Schönes bewirkt Gutes“, stellte Platon fest, denn es fördert das seelische Wachstum des Menschen. Platon differenzierte zwischen der materiellen Welt und der Welt der Ideen, während der Reiz der Schönheit diese beiden Welten verband.
Im Laufe der Geschichte gab es vielfältige Definitionen und Deutungen der Schönheit, von der (objektiven) Schönheit als die Vollkommenheit der Erscheinung (Baumgarten) über die (subjektive) Seele des Betrachters, in der die Schönheit liege (Hume) bis hin zu Kant, der die Schönheit als gleichzeitig sub- und objektiv (also demnach nie beliebig) beschrieb. Diese interdisziplinäre Deutung kommt auch meinem Verständnis am Nächsten, nimmt man als objektives Kriterium die Zahl Phi, die universelle Zahl des Lebens, mit in die Betrachtung, denn alle organischen Strukturen von Menschen, Tieren und Pflanzen basieren auf dieser Verhältnis-Zahl. Der Goldene Schnitt (oder die Goldene Proportion) zieht sich durch unsere Menschheitsgeschichte und findet sich auch in Kunst und Architektur (wie z.B. bei Leonardo da Vinci) wieder, denn durch ihn werden Kunstwerke, Bilder, Layouts und Gebäude als besonders ästhetisch empfunden.
Dr. Dr. Ruben Stelzner hat es m.E. sehr gut zusammengefasst:
„Die Symbiose der Gegensätze, wie sie der goldene Schnitt verwirklicht, erzeugt den Ausdruck vollendeter Harmonie und Schönheit.
Der Grund ist eine allem zugrundeliegende Ganzheit.
Diese erhebt sich über den maximalen Widerspruch der verschiedenartigen Gegensätze zur Komplementarität. Der Bezug jedes einzelnen Teiles (Minor und Major) zum Ganzen schafft im Betrachter ein Bild der Einheit und Vollkommenheit.
Schönheit ist demnach im Sinne des Goldenen Schnittes das Erkennen des unauflöslichen Zusammenhangs vom Ganzen und seiner Teile. Schönheit ist ein Ausdruck des Ganzen durch die Integration zweier scheinbar unvereinbarer Gegensätze.“
Brauchen wir Schönheit, um leben zu können?
Pythagoras konnte das vermeintlich Unvereinbare zusammendenken:
»Das Gleichnis dessen, der die höchste Vernunft besitzt, ist und kann nur die Fähigkeit sein, die Beziehungen zu erkennen, die auch Dinge einen, die scheinbar keinerlei Verbindungen zueinander haben.«
Und Goethe stellte zum Mysterium des Schönen fest:
»Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze...«
Die Schönheit ist also alles andere als beliebig, sie ist ein wesentlicher Teil des Lebens (des Kosmos) an sich und ihr liegt eine Ordnung zugrunde.
Dieser Hintergrund unterstreicht Simone Weils Appell, die Schönheit der Welt nicht aus den Augen zu verlieren, die sie zu den psychischen Grundbedürfnissen der Menschen rechnet. Und es wird noch einmal offensichtlicher, wie bedrohlich fehlende Schönheit für das Leben an sich ist. Die Schönheit ist nicht willkürlich, sondern in allem inhärent und somit die Grundlage des Lebens. Sie ist also auf`s Engste mit dem Leben verbunden und unsere Sehnsucht danach ist ein naturgegebenes, überlebensnotwendiges Bedürfnis nach Harmonie und Ordnung.
Das Grundbedürfnis nach Schönheit ist demnach das Grundbedürfnis nach Frieden.
Nun schreibe ich hier über menschliche, lebensnotwendige Grundbedürfnisse und spreche von Schönheit und Frieden. Manch Einer könnte kritisieren, dass dies aus einer „erhabenen“ oder vielleicht sogar „realitätsfernen“ Position geschieht, insofern man meine Lebenssituation mit der eines Menschen andernorts vergleicht, der in diesem Moment vielleicht gerade akut um sein Überleben kämpft – etwa weil er hungert oder Bomben fallen.
Werden die physischen Grundbedürfnisse nicht erfüllt, so sind sie im Gegensatz zu den psychischen stets direkt spürbar. Dieser gerade kämpfende Mensch ist also automatisch fokussiert auf das in diesem Moment Wesentlichste und das ist auch gut so, denn es ist für ihn akut überlebensnotwendig.
Die Frage ist aber doch: weshalb ist er überhaupt in diese Situation gekommen, weshalb sind viele Millionen Menschen in dieser Situation? Genau die Beantwortung dieser Frage führt mich in meinen Überlegungen von der Betrachtung unserer Lebensweise über die Organisation unseres Zusammenlebens und den (bis heute nicht abgeschlossenen) Überlegungen meines Menschenbildes zwangsläufig hin zum Grundbedürfnis nach Schönheit.
Die Schönheit ist in Allem inhärent, sozusagen ein geheimnisvolles Bindeglied unseres gesamten Kosmos. Und je weiter unsere naturwissenschaftliche Forschung geht, desto klarer wird es.
Doch diese Schönheit ist akut bedroht und die Bedrohung geht von uns Menschen aus.
Es ist, als verkümmere unser Bewusstsein und je blinder die Menschen werden, desto mehr tragen sie zur Selbstzerstörung bei.
Vortrag von William Morris, 1880
Es gibt einen bemerkenswerten Vortrag von William Morris aus dem Jahre 1880 dazu vor der Birmingham Society of Arts and School of Design, den ich an dieser Stelle empfehlen möchte. William Morris war ein britischer Maler, Architekt, Dichter, Kunstgewerbler, Ingenieur und als Aktivist einer der Gründer des Arts and Crafts Movement und früher Begründer der sozialistischen Bewegung in Großbritannien.
Ein paar Ausschnitte:
„...Diese Botschaft besteht kurz gesagt darin, Euch jene Gefahr vor Augen zu bringen, von der die Zivilisation bedroht ist; eine Gefahr, die von ihren eigenen Geschöpfen ausgeht: dass die Menschen im Begriff stehen, sich im Bemühen, den Stärksten unter ihnen den Zugang zu allem Luxus des Lebens zu verschaffen, damit die gesamte Gattung um alle Schönheit des Lebens zu bringen; die Gefahr, dass die Stärksten und Klügsten der Menschheit in ihrem Streben nach vollständiger Herrschaft über die Natur, verbunden mit der Versklavung der im Vergleich mit ihnen gewöhnlicheren Menschen, die einfachsten und in Fülle vorhandenen natürlichen Gaben der Natur zerstören, und so schließlich die Welt in ein neues Barbarentum stürzen werden, tausendfach hoffnungsloser als jedes vorangegangene.
Ich spreche von der Gefahr, dass die gegenwärtige Entwicklung der Zivilisation im Begriff ist, jegliche Schönheit des Lebens zu zerstören...
Ich glaube, dass ich mit ihnen die Wahrheit sage... Dass Schönheit, so sage ich, sich nicht bloß als Zufall im menschlichen Leben ereignet, als etwas, wofür sich Menschen entscheiden oder was sie auch lassen können, sondern von Natur aus uns Menschen bestimmt ist;
es sei denn, wir gäben uns mit einem Zustand zufrieden, der weniger als menschlich ist...
Und nun frage ich Euch, wie ich mich selbst auch oft gefragt habe:
Welchen Anteil hat die Mehrzahl der Bevölkerung in diesen zivilisierten Ländern an dieser Grundbedingung eines menschenwürdigen Daseins?
Ich behaupte, die Antwort, die auf diese Frage gegeben werden muss, rechtfertigt meine Furcht, dass sich die moderne Zivilisation auf einem Weg befindet, auf dem die Schönheit des Lebens ausgelöscht wird und an dessen Ende wir weniger als Menschen geworden sein werden.
So sage ich es noch einmal: wenn eine Zivilisation eine falsche Entwicklung genommen hat, liegt das Heilmittel nicht darin, stillzustehen, sondern auf eine vollkommenere Zivilisation hinzuarbeiten...
Eine Zivilisation, die nicht für das ganze Volk da ist, ist dem Untergang geweiht und muss einer anderen Platz machen, die dieses Ziel wenigstens anstrebt...
Es gibt einen schrecklichen Begriff für einen schrecklichen Tatbestand. Residuum oder Rückstand.
Diese Zivilisation trägt in sich ein Gift, das sie einmal zerstören wird...
Wenn sie nicht darauf abzielt, das Elend abzuschaffen und einen gerechten Anteil an Glück und Würde allen Menschen zu geben, die sie hervorgebracht hat, so verbraucht sie nur unermüdlich Energie,
ist sie nichts weiter als organisierte Ungerechtigkeit,
ein bloßes Instrument der Unterdrückung,
schlimmer als die alte Zivilisation insofern, als ihre Versprechungen und Ansprüche hochgestimmter sind, ihre Sklaverei sich nicht so offensichtlich abspielt, ihre Herren schwerer zu stürzen sind, weil sie nämlich von der dichten Masse eines allgemeinen Wohlbefindens und einer dumpfen Zufriedenheit gestützt werden.
Unter dieses Übel fällt ganz gewiss auch jenes, welches ich zum größten aller Übel rechne, zu der unerträglichsten aller Sklavereien; jenes Übel, welches darin besteht, dass der größte Teil der Menschen während der meisten Zeit seines Lebens mit Arbeiten beschäftigt ist, die sie bestenfalls nicht interessieren. Im schlimmsten Fall aber (und diese Situation ist fast allgemein) stellt es eine sklavenhafte Plackerei dar, die dem Menschen unter strengstem Zwang auferlegt ist – eine Mühe, der sich der Mensch, wen könnte dies wundern? – zu entziehen versucht, wann immer er kann.
Diese Schinderei macht aus Menschen etwas, das weniger ist als Mensch zu sein...“
Was können wir tun?
Zuvorderst geht es darum, die Sinne zu schärfen, hinzusehen und hinzuhören, die Schönheit in den kleinen Dingen des Alltags wiederzuentdecken, scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen und sich für all diese Dinge Zeit zu nehmen. Sie sind nicht nebensächlich, sondern die Hauptsache.
Es geht darum, die Schönheit der Welt zu erkennen und diese zu bewahren und zu kultivieren. Sie ist ein Geschenk an uns alle, bis heute ein Mysterium und wir sollten uns ernsthaft damit auseinandersetzen, warum wir Menschen bisher nicht imstande dazu sind, dieses Geschenk dankbar anzunehmen und adäquat damit umzugehen. Und wenn wir uns diese Fragen stellen und daraufhin beginnen, davon zu träumen, wie eine bessere, gerechtere Welt aussehen könnte und wie wir daraus resultierend der gegebenen Schönheit der Welt wieder Platz zur Entfaltung geben würden:
Was hindert uns daran, vom Träumen ins Tun zu kommen?
Die Schönheit ist überall, sie wird nur weiter und weiter verdrängt, sie braucht aber Freiheit zur Entfaltung. Um an Morris, Pochet und Weil anzuknüpfen: Wir verdrängen damit unsere Menschlichkeit, unser Menschsein an sich. Und je mehr wir sie verdrängen oder es (auch durch Nichterkennen oder Nichtstun) zulassen, dass sie verdrängt wird, desto mehr schaden wir uns nicht nur gesellschaftlich, sondern auch ganz persönlich. Es ist kein Zufall, sondern eine unmittelbare Auswirkung dessen, dass bei uns die dritthäufigste Ursache für Krankmeldungen psychischer Natur sind (Tendenz steigend). Wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden, das heißt grundlegende Bedürfnisse, die wir für unser Überleben brauchen, dann werden wir in logischer Konsequenz krank oder sterben.
Die Schönheit ist für unsere Seele wie der Sauerstoff für unsere Lunge und der Sinusknoten für unser Herz.
Und sie ist genauso naturgegeben wie der Sauerstoff und der Sinusknoten. Aber wir trampeln genauso auf ihr herum, wie wir durch Stress auf unserem Herz-Kreislaufsystem und durch Luftverpestung auf unserer Lunge (und der aller Tiere und Pflanzen) herumtrampeln. Und als wäre das nicht genug, trampeln wir auf einfach alles, was unsere Menschlichkeit ausmachen sollte. Wir trampeln. Brutal, barbarisch, ausbeuterisch, ignorant, egoistisch und kriegerisch. Oder ist eben genau das menschlich? Goethes Mephistopheles würde diese Frage bejahen - ich weigere mich nach wie vor, das zu akzeptieren. Denn ich sehe die Schönheit und bin fasziniert, ich sehe die Möglichkeiten und bin überzeugt, dass es eine Chance gibt. Und ich sehe immer mehr Menschen, denen es genauso geht. Ein Umdenken setzt ein, doch es geht nur gemeinsam. Also lasst uns kämpfen für die Schönheit!
"Wege entstehen dadurch, dass man sie geht."
Franz Kafka
An dieser Stelle beginnt die Reise.
"Es gibt nur eine wichtige Zeit: Heute. Hier. Jetzt."
Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi
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